Early Excellence in Mülheim an der Ruhr

Die Stadt Mülheim an der Ruhr machte sich vor über zehn Jahren auf den Weg, bisherige pädagogische Konzepte der städtischen Tageseinrichtungen zu überdenken. Heraus kam eine Neu-Ausrichtung nach dem Bildungsverständnis des Early Excellence-Ansatzes. Ein Bericht von Karin Bode-Brock.

 

Seit dem Jahr 2008 sind die 39 Tageseinrichtungen in städtischer Trägerschaft auf dem Weg, ihr pädagogisches Konzept nach den Grundlagen und dem Bildungsverständnis des Early Excellence-Ansatzes auszurichten.
Im folgenden Beitrag werden die Prozessentwicklung, die Implementierung in den Einrichtungen, die Erfahrungen in der Umsetzung und die zu verzeichnenden Ergebnisse beschrieben.

 

1. Die Herbeiführung einer weitreichenden Entscheidung

Hier rückt zunächst der Elementarbereich in den Fokus des Interesses.
Kindertageseinrichtungen gehören mit zu den ersten Bildungseinrichtungen, denen Eltern ihre Kinder anvertrauen. So ist es nur logisch, hier anzusetzen und nach geeigneten Konzepten und Ansätzen zu suchen, die Antworten auf zentrale Fragen sowohl in der bildungspolitischen als auch in der sozialpädagogischen Diskussion geben können.

  • Wie kann eine hohe Qualität der Bildung, Erziehung und Betreuung in Kindertagesstätten gewährleistet werden, die gerade auch Kindern aus benachteiligten Familien gerecht werden? Wie unterstützen wir forschendes und engagiertes Neugier-Verhalten aller Kinder und ermöglichen ihnen ganzheitliches Lernen?
  • Wie kann eine aktive und partnerschaftliche Zusammenarbeit mit den Eltern gelingen? Wie erreichen wir Eltern, die Experten ihrer Kinder, und wie können wir sie aktiv in die Bildungsprozesse ihrer Kinder einbeziehen und daran beteiligen?
  • Welchen Beitrag kann eine Kindertageseinrichtung leisten für den Aufbau einer familienfreundlichen Infrastruktur im Sozialraum? Wie müssen Netzwerke gestaltet werden, um Kinder und ihre Familien umfassend erreichen und unterstützen zu können?

Der elementarpädagogische Ansatz Early Excellence kommt an dieser Stelle schnell in den Mittelpunkt des Interesses, er gibt Antworten auf die aufgeführten zentralen Fragen:

  • Die pädagogische Arbeit verfolgt einen hohen Qualitätsanspruch, stellt das Kind und seine Bedürfnisse in den Mittelpunkt, vermeidet den Defizitblick, setzt konsequent an den Potentialen der Kinder an und fördert und unterstützt sie durch individuelle Lernangebote.
  • Die Eltern werden als die Experten ihrer Kinder, als ihre ersten und wichtigsten Erzieher, in die Bildungsprozesse der Kinder einbezogen und im Sinne der Bildungspartnerschaft aktiv daran beteiligt.
  • Die Kita entwickelt sich zu einem Zentrum für Familien und realisiert ganzheitliche Angebote und unterstützende Leistungen- immer mit dem wertschätzenden Blick auf die sozialen, kulturellen und individuellen Situationen der Familien im Sozialraum.
    Early Excellence verbindet die geeignete frühkindliche Pädagogik, den Dialog mit den Eltern und der Vernetzung der Kita im Stadtteil sinnvoll miteinander und verfolgt das gemeinsame Ziel, Bildungs-und Teilhabechancen unabhängig von sozialer und kultureller Herkunft zu ermöglichen.

Schon im Jahr 2001 wurde das Konzept der Early Excellence Centres aus England, dem Pen Green Centre in Corby, in die erste Einrichtung des PFH, das Kinder-und Familienzentrum Schillerstraße, übertragen und den bundesdeutschen Gegebenheiten angepasst.
Das Pestalozzi-Fröbel-Haus (PFH) hat die Erfahrungen, Methoden und die mit dem Ansatz verbundenen Leitgedanken in seine Einrichtungen eingebracht und sie in die Ausbildungsgänge der angeschlossenen Fachschule aufgenommen. Das Interesse am Early Excellence- Ansatz verbreitet sich von Berlin aus stetig, inzwischen gibt es bundesweit Kindertageseinrichtungen, die ihr pädagogisches Konzept danach ausgerichtet haben.

Die Entscheidung der Stadt Mülheim an der Ruhr, in einer Pilotphase drei städtische Tageseinrichtungen konzeptionell nach dem Early Excellence-Ansatz weiterzuentwickeln, fällt im Jahr 2007.


Die Steuerungsgruppe

Eine Steuerungsgruppe wird gebildet. Sie erarbeitet die Projektstruktur und wird den Prozess inhaltlich und fachlich begleiten, zunächst die Pilotphase und später dann auch den Transferprozess in alle städtischen Tageseinrichtungen.
Frau Prof. Dr. Hebenstreit-Müller, Direktorin des Pestalozzi-Fröbel-Haus (PFH) Berlin und Frau Prof. Rabe-Kleberg, Martin-Luther-Universität Halle Wittenberg haben sich bereit erklärt, in der Steuerungsgruppe als externe wissenschaftliche Beraterinnen mitzuwirken.
Ihre Erfahrungen aus der Praxis, der Forschung und Wissenschaft und der Aus-und Weiterbildung fließen ein und bilden eine gute, hilfreiche Basis für den Mülheimer Prozess.
Darüber hinaus wirken der Dezernent für Schule, Jugend und Kultur (Projektleitung), die Leitung des Amtes für Kinder, Jugend und Schule, die Kita-Fachberatung, die Koordinierungsstelle Integration und die Regionale Arbeitsstelle zur Förderung von Kindern und Jugendlichen aus Zuwandererfamilien / RAA (Projektkoordinatorin im Pilot) mit.


Das Moderationsteam

Ein Team, bestehend aus zwei Kita-Fachberaterinnen und der Leiterin der RAA (Koordination bis 2011) sind nun für die Unterstützung der drei Einrichtungen bei der Konzept- und Profilentwicklung verantwortlich.
Die Moderatorinnen begleiten die Teams bei ihren Organisationsentwicklungsprozessen, organisieren Fortbildungen, etablieren Hospitationen und geben die Möglichkeiten zum kontinuierlichen Austausch untereinander.
Sie stimmen die Beratung der Teams konsequent auf die Potentiale und Kompetenzen der Teammitglieder ab. Sie geben auf der Grundlage der EEC-Leitgedanken Raum für individuelle Entscheidungen und Vorgehensweisen des jeweiligen Teams und bieten je nach Bedarf individuelle Unterstützung an. Jedes Team schreitet nach seinem eigenen Tempo voran – jedes Team benötigt Zeiten der Aktivität, der Reflektion und Rückschau und des Genießens des Geleisteten!


Die Bewerbungsphase: September bis November 2007

Nach der Klärung und Festlegung der grundsätzlichen Projektstrukturen werden alle Leitungen der städtischen Tageseinrichtungen zu einem Workshop eingeladen. Das Konzept Early Excellence und die Erfahrungen des PFH werden vorgestellt.
Ebenfalls vorgestellt wird das Ausschreibungsverfahren, mit dem sich interessierte Teams darum bewerben können, an der Pilotphase teilzunehmen.
Die Teams sind aufgefordert, ihre Arbeit sehr differenziert zu reflektieren und sich mit ihren pädagogischen Zielen und der Weiterentwicklung ihrer Qualitätsansprüche auseinandersetzen.

  • Sie müssen Aussagen zu verschiedenen Ausschreibungskriterien machen:
    Interesse, die Ideen von Early Excellence schrittweise in ihrer Einrichtung umsetzen zu wollen
  • Bereitschaft, sich als Team in einen kontinuierlichen Fortbildungs- und Beratungsprozess einzubringen und sich auf den Begleitungsprozess einzulassen
  • Aussagen zu den mit EEC verbundenen Qualitätsentwicklungen:
    > Bildung und Erziehung der Kinder unter besonderer Berücksichtigung benachteiligter Kinder
    > Aktive Zusammenarbeit mit den Eltern
    > Öffnung der Kita in den Stadtteil und Mitarbeit am Aufbau familienfreundlicher Vernetzung

Die Bewerbung muss schriftlich eingereicht werden, mit dem gesamten Team abgestimmt und günstigstenfalls von allen Teammitgliedern unterschrieben sein.

Die Steuerungsgruppe sichtet die eingegangenen Bewerbungen und nach dem Besuch der Einrichtungen und ausführlichen Gesprächen mir den Leitungsteams stehen die drei Piloteinrichtungen fest: Kita „Papilio“, Kita „Menschenskinder2 und Kita „Hummelwiese“.
Die Teams hatten ihre Begründungen für die Bewerbung formuliert, ihr Konzept beschrieben und ihr hohes Interesse dargelegt, ihre pädagogische Ausrichtung zu reflektieren und im Sinne des EEC-Ansatzes weiter zu entwickeln.
Die drei Einrichtungen liegen in Sozialräumen der Stadt, in denen Kinder und Familien mit einem hohen Bedarf an Bildungsförderung leben. Die soziale Lage der Familien ist ein wichtiger Aspekt bei der Entscheidung.
Kurze Zeit später, im November 2007, werden das Projekt und die drei Piloteinrichtungen auf einer Fachtagung unter dem Titel „Orte exzellenter Erziehung und Bildung“ vorgestellt. Der „offizielle“ Projektstart ist der 1. Januar 2008.

 

Die Entwicklungsgruppe
Mit dem Projektstart wird die Entwicklungsgruppe installiert. Sie besteht aus den drei Moderatorinnen und den Leitungsteams (Leitung und Vertretung) der drei Piloteinrichtungen. Die Mitglieder der Entwicklungsgruppe sind maßgeblich für die Durchführung des Projektes und die Implementierung des EE-Ansatzes in den Einrichtungen verantwortlich. Die Entwicklungsgruppe bietet Zeit und Raum für den fachlichen Austausch und für die Abstimmung der Inhalte des EEC-Ansatzes auf Mülheimer Gegebenheiten die Bildungsgrundsätze des Landes NRW. Die seit dem Beginn der Pilotphase monatlich stattfindende Entwicklungsgruppe ist auch heute noch ein wesentliches Instrument für den inhaltlichen Austausch der Leitungen und die Auseinandersetzung mit allen Belangen des EEC-Ansatzes.
Für das Qualitätsmanagement der pädagogischen Arbeit in unseren Tageseinrichtungen und die Entwicklung von Qualitätsstandards wird die Entwicklungsgruppe kontinuierlich weitergeführt und hat einen festen Bestandteil in der fachlichen Begleitung.

 

Die Kollegiale Beratung
Parallel zur Entwicklungsgruppe ist zu einem späteren Zeitpunkt das Instrument der kollegialen Beratung, ausdrücklich nur für die pädagogischen Fachkräfte der Teams und nicht für die Leitung, installiert worden. Dennoch soll sie hier erwähnt werden, weil diese Form des Austausches und des Kontaktes, das haben wir im Prozessverlauf festgestellt, für die Teammitglieder einen wesentlichen Stellenwert hat: Jedes Team entsendet einen Mitarbeiter, eine Mitarbeiterin in das Treffen. Sie bringen Fragen und Situationen aus ihrer Einrichtung oder aus eigenem Bedürfnis nach Klärung ein – alle pädagogischen Fachkräfte sind immer gleichzeitig Berater und Ratsuchende im Austausch mit den Kolleginnen. Damit wird ein hohes Maß an Wertschätzung signalisiert und die aktive Beteiligung am Prozess in der eigenen Einrichtung unterstrichen.
Die Treffen zur kollegialen Beratung sind immer gut besucht, das Format kommt den Bedürfnissen der Fachkräfte sehr entgegen und wird ebenfalls ein fester Bestandteil im Sinne von Qualitätsentwicklung bleiben.

 

Beratung und Fortbildung im Pestalozzi Fröbel Haus Berlin
Bevor die drei Pilot-Teams in die konkrete Umsetzung des Projektes einsteigen, findet die erste Fortbildung für alle Teammitglieder in Mülheim an der Ruhr statt. Die Referentinnen, Fachberaterinnen im Pestalozzi Fröbel Haus, führen die Teams in die Grundlagen des Early Excellence-Ansatzes und die offene Arbeit ein und sensibilisieren sie für die auf sie zukommenden Themenschwerpunkte. Gleichzeitig beginnt für die Entwicklungsgruppe eine Reihe von Fortbildungen im PFH.

Die Fachberaterinnen des PFH und die Leiterin des angeschlossenen Nachbarschafts-und Familienzentrums begleiten die Mülheimer Piloteinrichtungen über einen Zeitraum von drei Jahren durch Fortbildungen, sowohl in Berlin als auch in Mülheim an der Ruhr. Sie sind Ansprechpartnerinnen für die Planung und Gestaltung aller Umsetzungsschritte und stehen uns sehr engagiert mit Rat und Tat zur Seite.

Durch die gleichzeitige, gemeinsame Fortbildung und Beratung von Moderatorinnen und Teams bekommt der gesamte Entwicklungsprozess einen besonderen Charakter. Über einen langen Zeitraum hinweg setzen sich die Moderatorinnen und die Leitungsteams im Dialog mit den Inhalten des Prozesses auseinander, schaffen Leitlinien, treffen Entscheidungen für den Prozess und tragen diese in die Teams. Gleichzeitig sind die Moderatorinnen für die Steuerung des Ganzen verantwortlich. Die hier entwickelten Konzeptbausteine sind in ihrer Grundstruktur bis heute für alle Einrichtungen als Leitlinien erhalten geblieben. Die enge, vertrauensvolle Zusammenarbeit bei der Entwicklung des „Mülheimer Modell`s“ prägt die erste Entwicklungsgruppe erheblich.

 

Film-Dokumentation
Seit Mitte 2008 wird der Implementierungsprozess filmisch dokumentiert. Der Dokumentarfilmer Tom Briele hat in seiner Dokumentation sehr umfassend Material der Entwicklung in den drei Piloteinrichtungen zusammengestellt. Er filmt Teamsitzungen, Elternveranstaltungen, Bildungsbereiche, Kinder und Erzieher/innen in Aktion, Beobachtungsauswertungen, individuelle Angebote, Auswertungsgespräche mit Eltern, Elterncafés und vieles mehr.

Tom Briele begleitet über drei Jahre hinweg jeweils eine Bezugserzieherin und ein Kind aus ihrer Bezugsgruppe, das neu in den Kindergarten gekommen ist.
Gemeinsam mit der Koordinatorin und der Fachberatung wird das Material gesichtet und ausgewertet. So entsteht umfangreiches filmisches Material zu den unterschiedlichsten fachlichen Themen, zur Information für Teams und Eltern, für Fortbildungen und Beratungsprozesse und für die Mülheimer EEC-Fachtagungen.

 

Die Mülheimer Stiftungen
Zwei Mülheimer Stiftungen unterstützen die Implementierung des Early Excellence-Ansatzes und stellen die Finanzierung des Prozesses in allen städtischen Tageseinrichtungen sicher:

  • Die Leonhard-Stinnes-Stiftung fördert bereits seit 2008 das Pilot-Projekt und stellt auch dem Transferprozess weitere Mittel zur Verfügung (2008 – 2015).
  • Die August und Josef Thyssen-Stiftung fördert den gesamten, auf 5 Jahre angelegten Transferprozess (2011 – 2015).

Die beiden Stiftungen stellen dem gesamten Prozess Mittel bereit für:

  • die ergänzende materielle Ausstattung der Einrichtungen und der Fachberatung,
  • die Fortbildung der Leitungen, der Teams und der Moderatorinnen,
  • die zusätzliche, befristete personelle Ausstattung der Teams im Umfang von jeweils einer halben Erzieher/innen-Stelle für die Umsetzungsphase,
  • die ebenfalls befristete Ausweitung der Kita-Fachberatung um vier Stellen zur Begleitung und Beratung der Einrichtungen,
  • Öffentlichkeitsarbeit und die Verbreitung des EE-Ansatzes in den Netzwerken und Bildungseinrichtungen der Stadt Mülheim an der Ruhr
  • städteübergreifende Netzwerkarbeit (RuhrFutur, Bildungsforum Ruhr, Bundesverband der Familienzentren e.V.…….)
  • Fachtagungen zu EEC-spezifischen Bildungsthemen;
  • die filmische Begleitung und Dokumentation des gesamten Prozesses.

Ohne die Bereitschaft der Stiftungsräte, in diesem Ausmaß in die Implementierung des Early Excellence-Ansatzes zu investieren und sich damit zu zugunsten der Bildung und Förderung der Mülheimer Kinder zu engagieren, wäre die Umsetzung in dem beschriebenen Rahmen und dem langen Projektzeitraum nicht möglich gewesen.

2. Vom Pilot zum Transfer – „Vom Projekt zum Programm“

Bevor ich auf die Erfahrungen im Implementierungsprozess insgesamt eingehen möchte, werde ich zunächst den Weg vom Pilot in drei Einrichtungen zum Transfer in alle städtischen Tageseinrichtungen beschreiben.

 

2009
Obwohl die Teams mit der konzeptionellen Auseinandersetzung und den damit verbundenen strukturellen Veränderungen extrem hoch belastet sind, bewältigen sie die zusätzlichen Anforderungen im Alltag hoch engagiert. Bereits nachdem die drei Einrichtungen der Pilotphase die Auflösung der herkömmlichen Gruppenstruktur und die Neukonzeption der Räume zu Bildungs- und Funktionsräumen vollzogen haben, die offene Arbeit eingeführt und die Eltern stärker eingebunden haben, zeigen sich deutlich positive Auswirkungen. Die Kinder nehmen sehr schnell alle Funktionsräume für sich in Anspruch und gehen selbstbewusst ihren Interessen nach. Sie orientieren sich über das installierte Ordnungssystem und das allgemeingültige Regelwerk sehr gut im offenen Konzept. Sie sind selbstbewusst, verhalten sich sehr sozial und sind gut in der Lage, Verantwortung für sich und andere zu übernehmen. In den Bildungsbereichen entstehen überaus kreative Werke, aus einzelnen Interessen der Kinder werden große Projekte und Ausstellungen, individuelle Entwicklungen bei Kindern sind deutlich zu erkennen und enorme Selbstbildungspotentiale werden frei.

Die Eltern geben positive Rückmeldungen darüber, wie wohl sich ihre Kinder fühlen, wie vielfältig die Möglichkeiten der Kinder sind und wie sehr sie sich als Eltern der Kita verbunden fühlen.

Die Teams sind angenehm überrascht, wie engagiert die Kinder die neuen geschaffenen Möglichkeiten nutzen. Die meisten Mitarbeiterinnen schätzen das Konzept sehr bald, weil es ihren eigenen Ansprüchen an die Bildungsarbeit sehr entgegen kommt. Sie empfinden, mehr Zeit für das einzelne Kind zu haben und erleben die veränderte Zusammenarbeit im Team als Bereicherung. Die Ansprüche an die Qualität der pädagogischen Arbeit werden bewusster formuliert und das Fachwissen insgesamt erweitert. Die Atmosphäre und die Stimmung in den Einrichtungen sind gleichzeitig von Ruhe und reger Aktivität geprägt.

Diese Erfahrungen führen dazu, dass bereits im Jahr 2009 drei weitere Einrichtungen die Gelegenheit bekommen, sich in den begleiteten Entwicklungsprozess hin zur EEC-Einrichtung zu begeben. Wieder gibt es ein Ausschreibungs- und Auswahlverfahren analog zur Pilotphase. Drei Einrichtungen werden ausgewählt, dabei eine integrative Kita, und starten zum Kindergartenjahr 2009/2010. Das Moderatorinnen-Team wird um eine weitere Fachberaterin ergänzt

 

2010
Drei weitere Teams beginnen zum Kindergartenjahr 2010/1011 mit dem Transfer des Early Excellence-Ansatzes in ihre Einrichtung. Somit sind 9 Einrichtungen im Prozess. Die Mitglieder der Steuerungsgruppe nehmen aufgrund der positiven Erfahrungen im Pilot und in den ersten Transfereinrichtungen die Planung des weiteren Transfers von EEC auf. Es ist angedacht, alle 39 Einrichtungen in den Transferprozess zu bringen. Die Projektstruktur wird überplant und den neuen Voraussetzungen angepasst.

Am 22.11.2010 nimmt der Jugendhilfeausschuss der Stadt Mülheim an der Ruhr das Vorhaben des städtischen Trägers, alle seine Tageseinrichtungen zu EEC-Einrichtungen weiterzuentwickeln, zustimmend zur Kenntnis. Damit hat die Stadt Mülheim sich eindeutig für das EEC-Konzept in ihrer Einrichtungen positioniert.

 

2011
Am 28.03. 2011 werden alle Leitungsteams zu einer gemeinsamen Veranstaltung geladen. Ziel ist es, die weitere Planung der Umsetzungsschritte bekannt zu machen und die damit verbundenen Angebote an Beratung und Begleitung zu erläutern. Darüber bekommen alle Teams die Möglichkeit, zu entscheiden, zu welchem Zeitpunkt sie sich einen Einstieg in das Konzept vorstellen können, 2011, 2012, 2013, oder 2014. Auf diese Weise ist dann die sogenannte Transferliste entstanden und alle Teams können sich auf „ihren“ Start ins neue Konzept einstellen.

Sechs weitere Kita gehen an den Start, damit sind insgesamt 15 Einrichtungen im Prozess. Es gibt personelle Veränderungen im Moderatorinnen-Team. Die Aufgabe der Koordination geht in die Fachberatung und das Moderatorinnen-Team wird wiederum verstärkt. Insgesamt sind nun sieben Fachberaterinnen für die Moderation der Prozesse in den Einrichtungen und die originären Fachberateraufgaben zuständig.

 

2012 / 2013 / 2014
In jedem Jahr, immer zum Beginn des Kindergartenjahres, gehen acht weitere Einrichtungen in den Entwicklungsprozess Early Excellence. Zum Kindergartenjahr 2014/2015 sind somit alle städtischen Einrichtungen im Prozess.

Der Rhythmus der Beratung und Begleitung der Teams hat sich mit dem Transfer in alle Einrichtungen verändert. Die Einrichtungen haben regelmäßig alle 14 Tage eine moderierte Teamsitzung mit einer oder zwei Fachberaterinnen.Bei Teams, die in der Umsetzung des Konzeptes inzwischen sehr sicher sind, verlängert sich der regelmäßige Beratungsrhythmus abhängig vom Bedarf. Für alle Teams gibt es weiterhin die erforderlichen Fortbildungen, die Entwicklungsgruppe und die kollegiale Beratung. Die finanzielle Unterstützung durch die Stiftung ist analog zu den Piloteinrichtungen gewährleistet. Die auf ein Jahr befristete personelle Unterstützung der Teams für den Zeitraum der Umsetzung des Beobachtungssystems ist gesichert.

Darüber hinaus werden regelmäßige Fortbildungen für neue Mitarbeiter der Einrichtungen installiert. Damit ist gewährleistet, dass nicht alle neuen Kollegen und Kolleginnen allein durch die Leitung der Kita in das Konzept eingearbeitet werden müssen. So sind einerseits die Leitungen und Teams entlastet, andererseits liegt hier auch die Chance, Prozesse weiterhin zu steuern.

Da nun alle Einrichtungen im Prozess sind, ist die Möglichkeit der Teams, gegenseitig in den Häusern zu hospitieren, sehr gut möglich. Diese Chance wird in der Regel gut genutzt. Alle Transfereinrichtungen profitieren sehr von den in der Pilotphase erarbeiteten Konzeptbausteinen und eine qualitätsvolle Weiterentwicklung der Bausteine ist auf breiter Linie möglich. Auswärtige Anfragen nach Hospitation werden immer häufiger an uns herangetragen. Im vertretbaren Rahmen soll den Anfragen entsprochen werden, zumal sich immer mehr Träger und Einrichtungsleitungen aus dem Umkreis von Mülheim sich für den Ansatz interessieren.

3. Die Implementierung des Ansatzes Early Excellence in den städtischen Tageseinrichtungen

Die Piloteinrichtungen als Vorreiter für den Transfer in alle Einrichtungen. Der Implementierungsprozess in den Einrichtungen ist jeweils auf drei Jahre angelegt. Die Hauptthemen sind modular zusammengefasst, überschneiden sich aber in der praktischen Umsetzung und können nicht getrennt voneinander betrachtet werden.

Während der ersten Fortbildung der Pilot-Entwicklungsgruppe in Berlin und der fachlichen Auseinandersetzung mit den pädagogischen Schwerpunkten des Ansatzes stellt sich die grundsätzliche Frage, welches nun der erste Schritt der praktischen Umsetzung sein soll. Zunächst sind alle davon überzeugt, dass die Einführung der Beobachtungssystematik am Anfang der Entwicklung stehen muss. Der ressourcenorientierte Blick auf die Potentiale der Kinder, auf ihr grundsätzliches Explorationsbedürfnis und den veränderten Ansatz bei der Unterstützung der Entwicklung der Kinder scheint die beste Ausgangsbasis für alle weiteren Schritte zu sein.

Schon in der nun einsetzenden Diskussion, wie die Beobachtungssystematik konkret umgesetzt werden soll, stoßen wir schnell an Grenzen:

  • Wie beobachten alle Fachkräfte Kinder anderer Gruppen im noch „geschlossenen“ Gruppengefüge?
  • Wann beobachten die Fachkräfte, sind sie doch in ihrer Gruppe für mindestens 20 Kinder und 6-8 Spielbereiche innerhalb der Räume der Gruppe zuständig?
  • Wie können Kinder sich engagiert selbstgewählten Tätigkeiten widmen, wenn nur vier Kinder auf dem Bauteppich spielen können?

Die Liste lässt sich beliebig fortführen und steht stellvertretend für die ersten wichtigen, hoch engagierten und qualifizierten Auseinandersetzungen der Gruppe mit dem Ziel, praktikable Lösungen zu finden und dabei den Grundgedanken des Ansatzes zu entsprechen. Die Entscheidung, bei der Umsetzung mit der Implementierung des offenen Konzeptes zu beginnen, fällt dann auch innerhalb weniger Stunden.

Somit steht dann auch die sinnvolle Reihenfolge der zu bearbeitenden Themenstränge für die praktische Umsetzung des Konzeptes in den Teams fest:

  • Die Leitgedanken, der ethische Code und die pädagogischen Strategien im Early Excellence-Ansatz.
  • Das offene Konzept, die Raumgestaltung und das Bezugserziehersystem.
  • Die Einführung der Beobachtungssystematik und die damit verbundene Förderung und Begleitung der Kinder.
  • Die vertiefte Zusammenarbeit mit den Eltern der Kinder und ihre Beteiligung an den Bildungsprozessen ihrer Kinder.
  • Die Öffnung in den Sozialraum.

Mit der Reihenfolge ist keinerlei Priorisierung verbunden ist – alle Schwerunkte sind gleich wichtig, greifen ineinander und unterliegen in ihrem Zusammenspiel immer der dem EEC zugrundeliegenden Haltung und Wertschätzung.

 

Die Begleitung der Teams

Die drei Pilot-Teams treffen sich von nun an wöchentlich in ihrer jeweiligen Kita zu einer Teamsitzung, die von zwei Moderatorinnen geleitet wird. In den Teamsitzungen werden schrittweise die fachlich inhaltlichen Themen des Early Excellence bearbeitet, individuelle Umsetzungsprozess geplant und neue Strukturen entwickelt.

Die einzelnen Teams sind, wie nicht anders zu erwarten, sehr unterschiedlich aufgestellt, haben verschiedenste Vorerfahrungen, arbeiten unterschiedlich lange zusammen und jede Fachkraft bringt ganz individuelle Potentiale mit. Es gibt einzelne Mitarbeiterinnen, die der konzeptionellen Veränderung mit Skepsis begegnen. Sie befürchten, dass sie mit der Auflösung der Gruppen die Kinder aus dem Blick verlieren, ihnen nicht mehr gerecht werden können, müssen sich von liebgewonnen Strukturen trennen und fühlen sich überfordert. Andere Mitarbeiter sind aufgeschlossen und innovativ, erhoffen sich bessere Bedingungen zur Gestaltung der täglichen pädagogischen Arbeit und schreiten schnell voran. Für die Moderation gilt es, die Grundprinzipien des Early Excellence zu wahren, allen Mitarbeiterinnen wertschätzend und positiv zu begegnen und Wege anzubahnen, die das Team gemeinsam und einvernehmlich einschlagen kann.

Übergreifende Schwerpunktthemen sind u.a. das allgemeine Bildungsverständnis und der Bildungsauftrag der Kita, das Rollenverständnis der einzelnen Fachkräfte, die vorhandenen Kommunikationsstrukturen, das Verständnis von der Zusammenarbeit im Team, aber auch Fragen zu Themen und Entwicklungen in der Elementarpädagogik.

Eine wesentliche Herausforderung an die Moderatorinnen der Teams ist es, diese Themen aufzugreifen, sobald sie an die Oberfläche oder in den Fokus des Interesses kommen. Die Themen sind nicht zu unterschätzen und stellen, wenn sie nicht angesprochen und aufgearbeitet werden, immer wieder Stolpersteine im laufenden Prozess dar. Die Arbeit in der Entwicklungsgruppe und den Teams ist insgesamt von einer hohen Fachlichkeit und der Motivation geprägt, schnell zu sichtbaren Ergebnissen zu kommen. Sehr engagiert gehen alle pädagogischen Kräfte die Umsetzung an und entwickeln Konzepte für die Praxis. Die Klärung, welche Bildungs-und Funktionsräume eingerichtet werden und die Auswahl der „richtigen“ Räume richten sich nach den Räumlichkeiten und der Belegung der Kita, ist aber in allen Teams schnell geklärt.

Zwei Einrichtungen nehmen in diesem Kindergartenjahr zum ersten Mal auch Kinder unter drei Jahren auf – eine Herausforderung in doppeltem Sinn. Beide Einrichtungen entscheiden sich für die Betreuung der jungen Kinder für die Einrichtung eines Nestchens. Das Nest ist Rückzugsraum und gleichzeitig die Basis der Kinder, von der aus sie sich „ihre“ Kita erobern. Die zuständigen Bezugserzieherinnen begleiten die Kinder so eng, wie es erforderlich ist.

Die Materialsichtung, das Sortieren, Aussortieren und Zusammenführen des Materials aus den herkömmlichen Gruppen sowie die Planung der Ausstattung einzelner Bildungsbereiche nimmt viel Zeit in Anspruch. Der Grundsatz „weniger ist mehr“ findet Anwendung und die Möglichkeit bzw. die Pflicht, wechselndes Material anzubieten, ist allgemein gewünscht. Die Gestaltung der Bildungsräume findet entweder in gemeinsamer Planung mit dem Team statt oder Kleingruppen aus dem Team übernehmen die Verantwortung für einen Bereich.

Die Abstimmung und Entscheidung unbedingt notwendiger Regeln ist einerseits geprägt davon, möglichst viel zu reglementieren, um möglichst alle Eventualitäten berücksichtigen zu können. Der Bedarf an Orientierung und damit nach Sicherheit wird deutlich. Andererseits wollen die Fachkräfte den Kindern möglichst viel Freiheit einräumen, damit sie sich individuell ihren Interessen widmen können. Es muss die Balance gehalten werden zwischen Regeln, die den Kindern entsprechen und regeln, die das Personal benötigt! Es wird darüber diskutiert, wie viel man den Kindern in Eigenregie zutrauen kann. Am Ende steht die Erkenntnis, dass die Kinder an vielen Stellen sehr unterschätzt werden.

Die Gestaltung eines Dienstplanes, der alle Abläufe in der Kita und den Einsatz des Personals, auch in der Rotation bei der Begleitung der Bildungsräume, in den Blick nehmen und abbilden muss, ist eine große Herausforderung. Die Dienstpläne werden mehrfach komplett überdacht oder unter neuen Vorzeichen an den einrichtungsspezifischen Bedarf angepasst, Äußerste Flexibilität und Innovation sind gefragt.

Für die Neugestaltung der Eingewöhnung neuer Kinder ist es zunächst erforderlich, das bisherige Verfahren gründlich zu reflektieren. Alle Teams haben auch vorher Anteile des Berliner Eingewöhnungsmodells umgesetzt, bessern aber ihr Konzept nach. Die sensible Zeit der Eingewöhnung und die sichere Bindung der Kinder an ihre Bezugserzieherin bekommen einen neuen Stellenwert – auch in der Zusammenarbeit mit den Eltern. Die Organisation und Planung der Eingewöhnungszeit, wenn zum Beginn des Kindergartenjahres bis zu 20 neue Kinder aufgenommen werden, ist nicht zu unterschätzen und immer wieder eine neue Herausforderung.

Die nächste deutliche Veränderung im Vergleich zum bisherigen Konzept der Tageseinrichtungen ist die Einführung der Beobachtungssystematik. Die Entwicklungsgruppe entscheidet sich für die Beobachtung nach dem Modell des PFH. Der Beobachtungsbogen wird bei der Benennung der Bildungsbereiche auf die Bildungsvereinbarung NRW abgestimmt. Die Aussagen zur Engagiertheit und zum Wohlbefinden und die Auflistung der Schemata bleiben erhalten. Der Auswertungsbogen und der PLOD werden entsprechend angepasst.

Für die Dokumentation der Entwicklung der Kinder werden vier Instrumente festgelegt: Das Ich-Buch mit Fotos der Familie ist das Bindeglied zwischen dem Zuhause des Kindes und der Kita. Der Starterhefter dokumentiert die ersten Wochen des Kindergartenbesuchs ab der Eingewöhnung und ist die Grundlage für das erste Entwicklungsgespräch mit den Eltern. Das Situationsbuch dokumentiert das individuelle Angebot nach der Beobachtung. Im Familienordner befinden sich alle Beobachtungen, Dokumentationen zum Alltag und zu Entwicklung des Kindes. Er wird während der ganzen Kindergartenzeit fortgeführt und auch unter Mitwirkung des Kindes ergänzt.

Der Umgang und das Einüben des Verfahrens der Beobachtung und die daran anknüpfenden Maßnahmen nehmen einen langen Zeitraum in Anspruch. Die Loslösung von der defizitären Blickrichtung und den üblicherweise installierten Förderangeboten fällt am Anfang noch schwer. Der Blick auf die Potentiale des Kindes und das Aufgreifen seiner Interessen, um es in seiner weiteren Entwicklung zu unterstützen ist zunächst ungewohnt. Die ersten praktischen Erfahrungen mit dem individuellen Angebot zeigen jedoch schnell, mit welcher Energie sich Kinder neuen Herausforderungen stellen, wenn das Angebot ihren Bedürfnissen nach Erfolg und Wertschätzung entspricht.

Alle Teams überlegen und planen, wie die Kinder an den Veränderungen ihrer Kita beteiligt werden. So helfen die Kinder eifrig beim Umräumen und entscheiden mit, welches Material in welchem Bereich gebraucht wird. Sie beraten, wie die Bildungsbereiche heißen sollen und welche Regeln es für bestimmte Situationen geben soll. Sie zeigen den Eltern und Besuchern ihren „neuen“ Kindergarten, beantworten Fragen zu Regeln und können sehr genau Auskunft geben, wie Material genutzt werden darf. Das sind nur wenige Beispiele für die Wichtigkeit von Partizipation.

Ein wichtiges Thema aller Teams ist die Beteiligung der Eltern. Vor jedem neuen Entwicklungsschritt finden Informationsveranstaltungen statt, bei denen die fortlaufenden Planungen vorgestellt und mit den Eltern diskutiert werden. Viele Eltern bekunden ihr Vertrauen in die Arbeit des Teams und sind zuversichtlich, dass die Mitarbeiterinnen nichts tun, was pädagogisch nicht vertretbar ist. Es fällt zunächst nicht allen Eltern leicht, die konzeptionellen Veränderungen anzunehmen. Die Sorge, dass ihre Kinder sich selbst überlassen werden und nicht mehr im notwendigen Rahmen gefördert werden können, dass es für sie keine Ansprechpartner mehr gibt und Kinder mit dem offenen Konzept hoffnungslos überfordert sind, wird in einer Einrichtung sehr stark thematisiert.

Eine der wichtigsten Aufgaben der Leitung und des Teams ist es, die Eltern mit ihren Sorgen und Vorbehalten ernst zu nehmen und vielfältige Möglichkeiten zum Gespräch und zur Information zu schaffen: die Einrichtung von begleiteten Elterncafés, die Gestaltung von Informationstafeln und Aushängen, Fotos der Kinder beim Spiel sind nur einige Möglichkeiten. Die Eltern erfahren viel über das Spiel- Lernverhalten von Kindern über die Gestaltung ansprechender Bildungsräume und den Aufgaben der Bezugserzieherinnen.
Eltern benötigen Zeit, Vertrauen in neue Entwicklungen zu bekommen und können sich so nach und nach, auch im Erleben des „neuen“ Alltags ihrer Kinder, beruhigt einlassen.
Eltern sind Experten ihrer Kinder! Diese besondere Wertschätzung der Eltern und die uneingeschränkt positive Grundhaltung den Eltern gegenüber führen trotz aller Vorbehalte in kürzester Zeit zu einer überaus vertrauensvollen Zusammenarbeit zwischen Elternhaus und KiTa.

4. Die Herausforderung des Transfers

Die eindeutige Positionierung des Trägers, alle seine Einrichtungen verbindlich nach dem Early Excellence-Ansatz weiterzuentwickeln ruft unterschiedlichste Reaktionen hervor. Viele pädagogische Kräfte haben sich bereits bei den Piloteinrichtungen und den ersten Transfereinrichtungen über Early Excellence informiert, sind sehr neugierig und unter der Voraussetzung, begleitet und unterstützt zu werden, gerne bereit, sich einzulassen. Es gibt aber auch Teams, die dem Ganzen eher skeptisch und zögerlich und sogar ablehnend entgegen sehen. Ebenso ambivalent sind Reaktionen aus der Mülheimer Elternschaft; die Rückmeldungen bewegen sich in einem Rahmen zwischen positiver Zustimmung und absoluter Ablehnung. Einige Eltern melden ihr Kind sehr bewusst in einer EEC-Einrichtung an, andere finden das Konzept unverantwortlich und nicht vertretbar.

Inzwischen hat sich das Klima und das Verhältnis zur Elternschaft deutlich entspannt. Tage der offenen Tür in EEC-Einrichtungen, ein umfangreiches Beratungsangebot in den Bildungsbereichen durch das Team und die Moderatorinnen ebnen den Weg zu mehr Verständnis und sachlichem Austausch. Die Teams, die sehr skeptisch sind, benötigen wesentlich länger, bis sie ansatzweise mit der Umsetzung der offenen Arbeit beginnen. Mit dem Beginn der EEC-Beratung ändert sich die ursprüngliche Skepsis allerdings. Anfangs besonders kritische Einrichtungen äußern sich anschließend mit Erleichterung darüber, dass sie keine starren Vorgaben umsetzen müssen und der Prozess einrichtungsspezifisch gestaltet werden kann. Es ist anzunehmen, dass auf dieser Basis die Information und die Beteiligung der Eltern in diesen Häusern ebenfalls im vertrauensvollen Einvernehmen gelingen.

Grundsätzlich finden sich alle Themenschwerpunkte, Strukturen und Inhalte der Piloteinrichtungen auch in den Transfer-Teams wieder. Der Unterschied liegt im Vergleich der beiden Prozessstränge darin, dass die Transfer-Kita sehr von den Erfahrungen der „Piloten“ profitieren und auf deren Erfahrungsschatz zurückgreifen können. Auch die Moderatorinnen haben diesen Rückhalt und lassen dies in die Beratung einfließen.

Im Gegensatz zu den Einrichtungen der Pilotphase und des ersten Transfers, die ihren Prozess sehr stark eigeninitiativ und äußerst selbstständig angegangen sind, benötigen die Einrichtungen nun mehr und mehr sehr unterschiedlich angelegte Unterstützung. Je nach Zusammensetzung der Teams und den persönlichen Voraussetzungen der einzelnen Mitarbeiter unterscheiden sich die Prozesse der einzelnen Einrichtungen deutlich voneinander. Manchmal ist es nur ein Motivationsschub, der ein Team in einem bestimmten Bereich weiterbringt. Zunehmend brauchen die Teams aber eine Begleitung, um alte, festgefahrene Strukturen erkennen und in den Mühen, die Veränderungen mit sich bringen, einen Gewinn sehen zu können. EEC wird oftmals nur als Belastung gesehen. Die Entwicklung geschieht an vielen Stellen kleinschrittiger.

Ungefähr ein Drittel der Kitas befinden sich zum jetzigen Zeitpunkt nicht mehr in der kontinuierlichen Beratung. Sie haben den EEC-Ansatz gut implementiert und fühlen sich sicher in ihren Handlungen. Die Leitung fragt die Fachberatung bei Beratungsbedarf an. In allen anderen Einrichtungen läuft der Prozess der Implementierung kontinuierlich weiter. In der Beratung der Teams treten Teamfindungsprozesse, Konfliktmanagement, Gesprächsführung, Elternmitwirkung und Partizipation sowie die Reflektion der pädagogischen Arbeit in den Vordergrund. Dabei geht es zum einen darum, aktuelle Prozesse im Team aufzuarbeiten. Zum anderen geht es aber auch darum, das theoretische Wissen der Mitarbeiterinnen zu vertiefen und damit eine gute Basis für die aktive Zusammenarbeit mit Kindern, Eltern und dem Team herzustellen. Ein hoher Fortbildungsbedarf ist erkennbar – ein Fortbildungsprogramm für die städtischen Tageseinrichtungen mit Early-Excellence-spezifischen Schwerpunkten ist in Planung.

Die größte Herausforderung an die Moderatorinnen ist es, den Prozess in Gang zu halten. Besonders in Stresssituationen wie zum Beispiel bei Personalausfall, beim Umgang mit schwierigen Kinder und Eltern, bei Teamkonflikten besteht die Tendenz, in „alte“ Strukturen (Angebotspädagogik, Rückzug in Gruppen, Verwirklichung der Erzieherinteressen etc.) zurückzufallen. Das eigentliche Ziel nicht aus den Augen zu verlieren und die Motivation aufrecht zu erhalten, verlangt allen Beteiligten viel ab.

Die Fachberaterinnen stellen für sich positiv fest, dass sie nun neben dem Kontakt zur Leitung der Kita auch den Kontakt zu den Teammitgliedern haben. Der Kontakt hat einen anderen Stellenwert bekommen und birgt die Chance, den vermeintlichen Abstand von der „Außenstelle Kita“ zur Fachberatung aus „dem Amt“ zu verringern.

Für die Moderatorinnen ist es mittlerweile eine logistische Herausforderung, bei gleichbleibendem inhaltlichem Anspruch, regelmäßige Termine für die Beratungen und die anderen Steuerungselemente zu planen. Die Vor- und Nachbereitung der einzelnen Termine, der fachliche Austausch untereinander und die Abstimmung der Prozesse und Entwicklungen im Moderatorinnen-Team sind ebenfalls nicht zu unterschätzen.

Die Einrichtungen, die nicht mehr im kontinuierlich begleiteten Umsetzungsprozess EEC sind, brauchen weiterhin Fachberatung, haben Anliegen und benötigen Unterstützung – der EEC-Gedanke vom positiven Blick, von Vertrauen, Wertschätzung und Augenhöhe muss auch hier weiterhin seine Entsprechung finden.

 

Ein kurzer Blick über den Tellerrand:

In der Zusammenarbeit mit den Mülheimer Netzwerken sind die Arbeitsweisen und die Grundsätze des gelebten Ansatzes Early Excellence von Anfang thematisiert worden. Es gibt regelmäßige Treffen in Arbeitskreisen mit den unterschiedlichsten Netzwerkpartnern innerhalb der Stadt – Gesundheitsamt, Erziehungsberatung, schulpsychologische Beratung, Familienhebammen, Familienbildungsstätten, Bildungsbüro, Stadtteilkoordinatoren, Grundschulen,…- die unter anderem auch zum Ziel haben, die Leitgedanken Early Excellence vorzustellen und von den Erfahrungen zu berichten. So werden immer wieder Anlässe geschaffen, über EEC ins Gespräch zu kommen und den Ansatz über die Kita hinaus auch in andere Bereiche aufzunehmen.

Es gibt Interesse von Grundschulen, das Konzept für den offenen Ganztag zu nutzen. Es gibt regelmäßigen Kontakt zum Mülheimer Berufskolleg und die Fachberatung stellt das Konzept der städtischen Tageseinrichtungen jährlich in der Klasse der Berufspraktikantinnen vor, Hospitation in einer Kita und moderierte Auswertung schließen sich für die Studierenden an.

Drei Fachtagungen haben bisher stattgefunden, die elementarpädagogischen Themen sind immer nach den Grundsätzen des Early Excellence-Ansatzes ausgerichtet: „Der positive Blick: Potentiale früh fördern! / Wie Kinder lernen! / Inklusion im Elementarbereich“.
Die diesjährige Tagung hat den Titel: „Der positive Blick: Kompetenzen und Bedürfnisse von Kindern unter 3 Jahren“.

Die drei Piloteinrichtungen haben inzwischen das Zertifikat ***eec-deutschland erhalten, das gemeinsam vom PFH und dem Institut Bildung Elementar in Halle und der Heinz und Heide Dürr Stiftung entwickelt wurde.

Die Mülheimer Moderatorinnen sind darüber hinaus im bundesweiten EEC-Netzwerk und im Netzwerk der Region Nord-West tätig. Der Austausch und die Kontakte mit den anderen EEC-Standorten bereichern den Mülheimer Prozess und führen zu fruchtbaren Kooperationen. Die Weiterentwicklung der EEC-Qualitätsstandards ist allen Beteiligten ein wichtiges Anliegen.

Die Implementierung des Early Excellence- Ansatzes in den Mülheimer Tageseinrichtungen ist sowohl für die Teams als auch für die Moderatorinnen äußerst anspruchsvoll und fordert viel Kraft und Energie. Den Teams gebührt eine hohe Anerkennung und Wertschätzung für ihren Einsatz und ihr Engagement.
Die Investition ist hoch, doch die vielen positiven Rückmeldungen von Kindern, Eltern, Mitarbeitern und Moderatorinnen über gelungene Bildungsprozesse und Bildungspartnerschaften geben Bestätigung, den richtigen Weg gewählt zu haben.

Karin Bode-Brock aus Hebenstreit-Müller, Sabine (Hg.) (2015): Im Dialog mit der Praxis – Weiterentwicklungen von Early Excellence, Berlin (Dohrmann Verlag)